Reichspogromnacht 10. November

Was geschah mit unseren jüdischen Nachbarn, als in der einstigen Kurstadt am 10. November 1938, einen Tag nach der „Reichskristallnacht“, der Nazi-Mob wütete? Als jüdische Einrichtungen und Häuser verwüstet und geschätzte jüdische Bürger aus der Stadt vertrieben wurden? Wie viele Juden gab es zu dieser Zeit in Soden? Wie lebten sie? Die Veranstaltung, zu der die Bad Sodener Stolperstein-Gruppe am 10. November 2016 ins Badehaus eingeladen hatte, war eine sehr persönliche, sehr nachdenkliche.

Die jüdische Gemeinde zählte nie mehr als 50 Mitglieder, hatte Lissy Hammerbeck recherchiert. Das Miteinander mit der christlichen Nachbarschaft sei unkompliziert gewesen. Man habe einander besucht und sich gegenseitig unterstützt.

Julius Scheuer war deutscher Bürger jüdischen Glaubens, Chef eines erfolgreichen Familienunternehmens, ansässig in der Villa Aurora in der Alleestraße. Mit seiner Frau Fanny hatte er sechs Kindern. Von 1885 bis 1907 leitete er die jüdische Gemeinde. Er war ein großzügiger Mensch, schilderte Lissy Hammerbeck, bei dem man auch mal anschreiben lassen durfte. Zwei seiner Kinder starben früh; sie sind auf dem jüdischen Friedhof in Soden beerdigt. Der älteste Sohn, Emil, nahm sich das Leben. Danach rückte die Familie zusammen. Julius nahm die Witwe seines Sohnes, die Mutter seiner zwei Enkelkinder, in die Firma auf. Julius Scheuers Tochter Rosa heiratete Markus Grünebaum. Er war der letzte Gemeindevorsteher der jüdischen Gemeinde in Soden. Wie das Haus Grünebaum nach der Verwüstung durch den Nazi-Pöbel aussah – zerbrochene Fensterscheiben, herunterhängende, abgerissene Vorhänge, zertrümmertes Mobiliar, daran erinnerte Zeitzeugin Dr. Dietmut Thilenius. Die damals Siebenjährige hatte es auf ihrem Weg zur Volksschule gesehen. Und sie schilderte, wie verstört ihre Mutter an dem Tag war. „Ich hatte sie vorher noch nie weinen gesehen“, sagte die Sodener Ärztin.

An das Schicksal der Familie Dr. Max Isserlin erinnerten Schüler der Eschborner Heinrich-von-Kleist-Schule. Mit ihren Geschichtslehrerinnen hatten sie sich im Herbst 2013 mit dem Thema beschäftigt und die Patenschaft für den Stolperstein des Sodener Arztes übernommen. Dr. Isserlin leitete die israelitische Kuranstalt, war Vorsitzender des Ärztevereins und war Vorsteher der jüdischen Gemeinde in dieser Zeit. Er investierte in den Bau des Inhalatoriums, des heutigen „Medico Palais“. Ihm und seiner Frau Regina gelang die Flucht noch vor 1939 nach England. Ihre beiden Kinder hatten sie vorher in Sicherheit nach London gebracht.

Die Familie Strauss wurde tragisch auseinandergerissen. Moritz und seine Frau Karoline lebten gegenüber der Synagoge in der Neugasse 3. Er war Viehhändler und seit 1924 neben Dr. Isserlin der zweite Gemeindevorsteher der jüdischen Gemeinde. Ihr Sohn Wilhelm und Schwiegertochter Olivia waren in Soden sehr beliebt. Wilhelm hatte 1929 den Sodener Reitverein mit anderen Mitbürgern gegründet. Mit seiner Frau Olivia und Tochter Hannelore bestieg Wilhelm Strauss im Dezember 1937 in Bremerhaven ein Schiff nach New York. Auch seine Schwester Johanna, ihr Mann Gustav Barmann und ihre zwei Kinder Kurt und Ruth fuhren auf demselben  Schiff mit ihnen. Die Eltern, Moritz und Lina, mussten zurückbleiben.

Nachdem der Ton heute wieder rauer werde, mahnte Bürgermeister Norbert Altenkamp, sollten wir uns  „mit bürgerschaftlichem Engagement für eine offene, tolerante und zukunftsorientierte Gesellschaft einsetzen“.

Die Präsentation als Video:

  • Für die Behandlung des Themas in Arbeitsgruppen und Schulen (nicht-kommerzielle Verwendung) ist die Nutzung des Präsentationsmaterials frei. Zur Verfügung stehen die PowerPoint-Präsentation, ein  Video sowie der Präsentationstext.
  • Die Video-Aufzeichnung der gesamten Veranstaltung inklusive der Rede des Bürgermeisters kann im Stadtarchiv nachgefragt werden.

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