Stolpersteinverlegung 2017

Die Entscheidung muss dramatisch für die Eltern gewesen sein. Voller Verzweiflung müssen sich Therese und Leopold Strausser im Jahr 1937 zu diesem Schritt entschlossen haben. Erst 17 Jahre war ihre Tochter Liselotte alt, als sie das junge Mädchen auf die Flucht in die Vereinigten Staaten schickten. Sie gaben es in die Obhut der ihnen bekannten und in Bad Soden geachteten Familie Olivia, Wilhelm und Tochter Hannelore Strauss aus der Neugasse 3. Im Dezember bestiegen die vier jüdischen Flüchtlinge in Bremerhaven das Schiff. Ein Foto, das von Ken Krug, einem Nachkommen der Familie Strauss stammt, zeigt sie nach ihrer Ankunft in New York am Weihnachtstag 1937. Liselotte ist die Einzige der Sodener Familie Strausser/Neuhof, die den Terror der Nationalsozialisten überlebt hat. Mit 86 Jahren starb sie in den USA.

Ihre Großmutter Sophie Neuhof sowie ihre Eltern Leopold und Therese Strausser wurden am 10. November 1938, als der Nazi-Mob auch in Bad Soden wütete, gewaltsam aus der Kurstadt vertrieben. Vor ihrem letzten freigewählten Wohnsitz, der „Villa Rheinfels“ an der Ecke Königsteiner Straße/Alleestraße, umgeben vom fließenden Verkehr, fand am Dienstagmorgen eine bewegende Gedenkfeier statt. Vier Stolpersteine ließ der Kölner Künstler Gunter Demnig in den Bürgersteig ein. Vier Messingplatten, die das traurige Schicksal der ehemaligen jüdischen Mitbürger sichtbar machen. Ein idealer Platz, meinte Bürgermeister Norbert Altenkamp (CDU). „Nirgends sonst in der Stadt kommen so viele Menschen vorbei.“ Und er räumte ein, dass die ersten Verlegungen in der Stadt „etwas stolpernd“ begonnen hätten.

Beim Jüdischen Museum in Frankfurt, bei Yad Vashem in Israel und mit Hilfe weiterer Quellen hat Gisela Rücker von der Bad Sodener Arbeitsgemeinschaft Stolpersteine recherchiert und den Lebensweg der Straussers und Neuhofs aufgezeichnet. Danach hat Michael Neuhof die „Villa Rheinfels“ im Jahr 1907 erworben und mit seiner Frau Sophie, geborene Mayersohn, ein Hotel für Kurgäste eröffnet. In dem dazugehörigen Restaurant wurde streng koscher gekocht. Ihre gemeinsame Tochter Therese wurde 1882 in Frankfurt geboren. Nachdem Vater Michael Neuhof 1921 gestorben war – er wurde auf dem jüdischen Friedhof in Soden begraben – führten seine Witwe Sophie, Tochter Therese und Schwiegersohn Leopold Strausser das Haus weiter. Hauptberuflich war Leopold Strausser als kaufmännischer Angestellter bei einer Firma in Frankfurt tätig.

1920 brachte Therese Strausser ihre Tochter Liselotte in Zürich auf die Welt. Als die Nationalsozialisten immer stärker Stimmung gegen die Juden machten (ein Antrag der Straussers für den Umbau des Hotels wurde 1932 abgelehnt) dürfte der Entschluss in der Familie gereift sein, dem herannahenden Grauen zu entkommen. Doch Großmutter Sophie und die Eheleute Strausser warteten zu lange. Bald nachdem sie 1938 nach Frankfurt vertrieben wurden, starben Leopold Strausser am 11. November und Sophie Neuhof am 20. November 1939. „Unter ungeklärten Umständen“, mehr konnte Gisela Rücker nicht herausfinden. Haben sich die beiden Menschen das Leben genommen? Die „Villa Rheinfels“war von den Nazis geplündert und zerstört worden. Die Straussers mussten das Gebäude verkaufen,, ihr Eigentum wurde bis auf einen kleinen monatlichen Freibetrag beschlagnahmt. Liselottes Mutter Therese wurde bei der dritten großen Deportation am 22. November 1941 nach Riga und weiter nach Kowno verschleppt und am 25. November 1941 dort erschossen.

Für Liselotte blieb das ungewisse Schicksal ihrer Mutter eine schwere Last. Die beiden Frauen hatten anfangs noch Briefkontakt. In späteren Jahren forschte die Tochter über Yad Vashem nach ihrer Mutter. Liselotte, die 1944 amerikanische Staatsbürgerin wurde, wurde Kinderkrankenschwester, arbeitete in einem Heim für jüdische Kinder in New York und hielt ihr Leben lang eine enge Verbindung zur Familie Strauss.

Sie habe die Familie zwar nie gekannt, entgegnete Gisela Rückert auf die Frage, warum sie über deren Leben nachgeforscht habe. Es liege ihr viel daran, das Wissen, „was während der Nazizeit alles passiert ist“, an die nächste Generation weiterzugeben. Das ist auch Annelie Koschella und ihrer Familie wichtig. Deshalb hätten sie und ihr Mann keinen Moment gezögert, als es darum ging, eine Stolperstein-Patenschaft für Sophie Neuhof zu übernehmen.

Bei Nikolaus Fitting und seinen Kameraden scheint der Samen Früchte zu tragen. Der 17 Jahre alte Schüler – in demselben Alter wie Liselotte, als sie ihre Eltern verlassen musste – legte drei Rosen zu den Stolpersteinen. Seit 2013 sind die jungen Leute der Heinrich-von-Kleist-Schule aus Eschborn dem Sodener Stolperstein-Projekt verbunden. Sie haben Patenschaften übernommen und sorgen dafür, dass die Messingplatten blitzen. Der ehemalige HvK-Schüler, Lukas Birovescu, begleitet die Steinverlegungen seit mehreren Jahren auf seiner Klarinette.

Die Verlegung der Stolpersteine für die Familie Strausser fand am 16.Mai 2017 um 9 Uhr vor der Königsteiner Str. 39 statt.

Ein Bericht über die Verlegung wurde veröffentlicht in der

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